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Die Pilzsammler von Deutschendorf

Am Freitag. September. Später Sommer. In zwei Tagen beginnt der astronomische Herbst. Heute Nacht fiel am Ochsenhorn, auf der Gerlsdorfer Spitze und am Großen Hinzensee der erste Schnee. Seit drei Tagen bin ich Gast der „Blauen Taube“ in Georgenberg bei Deutschendorf. Das Widget sagt: „Poprad aktuell. 6,9 Grad Celsius. Sprühregen“.

Eben war ich mit dem Hund vor der Tür. Die Matejowská runter in Richtung Autobahn D1, Abfahrt Poprad Ost. Von Sprühregen keine Spur. Dafür Wind, Luft, Himmel. Herbst. Licht. Nordwestlich die Tatra. Wolken, Schnee und Sonne zwischen Kriván und Slavkovský štít. Wetter.

Alle paar Minuten laufen an meinem Fenster junge Männer mit Rucksäcken vorbei. Touristen, zu Fuß, auf dem Weg von Deutschendorf nach Käsmark. Denke ich. Seltsam. Als sich mir einer der Touristen zuwendet sehe ich: Gypsies. Sie tragen ihr Hab und Gut, manchmal gesammeltes Buntmetall oder einen Sack Kartoffeln heim. Nach Matzdorf.

Ein paar brachgrüne Meter weiter verbindet die Štefánikova Poprad mit Käsmark. An der Autobahnunterführung beenden massige Betonabsperrungen endgültig den Lauf der Matejowská. Jenseits der Autobahn heißt die Straße dann Hlavná. Sie führt direkt hinein ins Herz des Poprader Stadtteils Matejowce.

Wie mein Spišská Sobota, das wegen unseres Schutzheiligen auch mal Georgenberg und dann mal Szepesszombathely hieß, war auch Matejowce, das auch mal Villa Mathei oder Matzdorf hieß, einstmals eine eigenständige Zipser Stadt. Und wie ein gutes Dutzend anderer Städte des Zipser Städtebunds verpfändete Sigismund von Luxemburg auch Matzdorf an Polen. Er brauchte Geld für den Krieg gegen die Durchlauchtigste Republik des Heiligen Markus in Venedig.

Vor Sigismund und den Ungarn waren in Matejovce die Paläolithiker und nach den Paläolithikern die Neolithiker. Und dann die Germanen. Und dann die Großmährer, dann die Sachsen und dann die Scholzens. Und die gründeten hier ihre Fabrik für Pferdekämme, Emaille und Landmaschinen. Daraus wurden Waschmaschinen. Heute produzieren hier in der Achselhöhle der Abfahrt Poprad Ost die Firmen Tatramat und Whirlpool gemeinsam. Toploader.

Ein paar Meter weiter in der Matzdorfer Altstadt, sorgsam abgetrennt vom Rest der Stadt Poprad und dem Kleinod Spišská Sobota durch ein Kreuz aus Schnellstraßen leben die Roma von Poprad. Sie bewohnen die Häuser im mittelalterlichen Kern rund um die Kirche mit seinem spätgotischen Flügelaltar. Vor ein paar Jahren noch sammelten sie Beeren und Pilze in den Fichtenmonokulturen oberhalb Matejowces auf dem Hoheitsgebiet der Gemeinde Hohe Tatra. Und setzten sich mit ihren vollen Körben und Eimern an die 67 zwischen Poprad und Kežmarok.

2004 raste ein Novembersturm über die Koniferen am Gerlachovský štít und den Hängen des Satans hinweg. Seitdem nehmen die Gypsies von Matzdorf den Rucksack nur noch mit nach Poprad. Oder nach Kežmarok. Das Bergwandern in dem sich nur langsam regenerierenden ehemaligen Waldgebiet überlassen sie nun den polnischen, slowakischen, tschechischen oder deutschen Touristen. Die pilzsammelnden Roma in der Hohen Tatra sind nun genauso Geschichte wie das 1972 in der ČSSR begonnene Sterilisationsprogramm, dem sie sich unterziehen mussten.

Und in Poprads misstrauischen Gegenden wachsen Mauern um die Eigenheime. Und Blech verschraubt die Hinterhöfe. Und Kameras bewachen Garagen und Allmende. Und die Ketten reißen an den Hälsen der Hunde. Neubauten im September 2012. 

In der Landschaft namens Zips

Der Popper hat sich als einziger der in der Slowakei entspringenden Flüsse entschieden, das Land nicht in Richtung Schwarzes Meer zu verlassen. Auf seinen noch nicht einmal zweihundert Kilometern von der Quelle am eiszeitlichen Großen Hinzensee zur Mündung in den polnischen Dunajec durchfließt er eine eigentümliche und ebenso liebliche wie seltsame Landschaft. Sie trägt den Namen Zips.

Dies sind Skizzen dieser Landschaft. Wir treffen Tiere und Menschen dieser Landschaft. Wir treffen mit eigenartiger Mundart sprechende altsächsische Karpatenbewohner. Wir treffen den spätgotischen Meister Paul, spätmoderne Wagonbauer, spätamerikanische Waschmaschinen, spätkakanische  Österreicher, spätsozialistische Hotelruinen und in der Spätkrise kreditverschuldete Fahrer großer Automobile aus süddeutscher Produktion. Wir treffen aber auch eine alte Baronesse und ihren zwischen Paris, Budapest, Wien und dem Familienschloss in der Zips lebenden Onkel Ladislaus. Wir treffen Folkloristen und Filmemacher, einen Maurer, preisgekrönte Taubenzüchter, eine Frau im Jeansanzug und einen jungen Schreiner, der sich auf nach Hollywood macht.

In der Landschaft namens Zips entlang des Poppers lebten einstmals viele Völker: Slowaken, Roma, Ungarn, Deutsche, Juden, Rusinen, Polen, Vietnamesen, Sachsen, Mongolen und Goralen. Auf dem Spaziergang durch die Welt am Fluss Popper treffen wir sie alle. Eine ebenso romantische wie tragische Zeitreise, ein Sprung über den Popper – vom Tatarensturm zur postsozialistischen Postmoderne, zurück zur Gotik und hinein mitten in die Gegenwart.OLYMPUS DIGITAL CAMERA