Schlagwort-Archive: Geschichte

Willkommen im Paradies

Georgenberg, Leutschau, Zipser Bela, Zipser Donnersmarkt, Altlubau, Felka, Matejovce, und gestern waren wir in SVIT, wo heute noch produziert wird, jetzt durch die Firma ChemoSvit. Socken oder waren es Sohlen oder war es der SVIT-Schuh für Diabetiker, seit den 1990er Jahren von Bata produziert? Der alte Bata kam ja in den 1930er Jahren bei einem Flugzeugabsturz zu einem seiner tausend Firmensitze ums Leben. Der ist auch noch mal ein Kapitel wert.

Den Nordteil des Slowakischen Paradieses erkundeten wir wandernd. In die Tiefe des Paradieses aber nehmen wir den Geländewagen. Serpentinen, dichter Tannenwald, steil aufragende Kalkfelsen. Dann das Bergbaudorf Vernar, vormals Wernsdorf. Vor der einzigen Kneipe und dem Laden tummelt sich sehr zu meiner Überraschung die gesamte Einwohnerschaft. Es wird genauso feierlich wie folkloristisch den slowakischen Nationalaufständischen gedacht. Dem örtlichen Frauenchor in Kopftüchern und bestickten Röcken begegneten wir bereits am Abend in zuvor in der Dorfschenke – da waren die Damen größtenteils noch in Zivil.

Die Kneipe: eine slowakische Variante des Brick in Ausgerechnet Alaska. Die Tische quadratisch, ideale Größe für vier Biertrinker. Die Tischplatte gefliest, rotes Marmorimitat, eingefasst in dunkel gebeiztes Holz. Die Kanten gezeichnet von tausenden Begegnungen mit Stuhllehnen, Schlüsseln, Eheringen, Gläsern und Messern. Und schlichte Stahlrohrstühle, deren Sitzpolster rotes Kunstleder schützt. Die Bar mit vorgelagerter Theke ein Neunzigerjahretraum: Halogenstrahler, verspiegelte Rückseite, jede Menge Spirituosen auf Glasregalen und, das Beste: sie wird von einem riesigen KOFOLA Kühlschank flankiert.

Auf dem Barhocker fläzt sich ein junger Kerl. Gestylt zwischen älterem Ex-Skater und Heavy Metal Hipster. Das gelockte nicht zu kurze Deckhaar nachlässig angeschmalzt, schwarzes enges T-Shirt (Motörhead!), Ledergürtel mit Nieten (die breiteren in Diamantform), dreiviertellange Military Hose. Vans. The Ace of Spades! Ein Grüppchen Feierabendtrinker reckt die Köpfe Richtung Flachbildschirm mit Deckenhalter. Die Damen im Hinterzimmer lassen sich den ein oder anderen Borovička Spišská bringen. Sie stecken die Köpfe zusammen und besprechen den nächsten Tag. Und proben. Sitzen, trinken, singen. Ein Folkloremärchen im Hinterzimmer…

Zum eigentlichen Fest am nächsten Morgen um elf lässt sich auch der Herr Bürgermeister aus Poprad blicken. Dann ist da noch ein Armeevertreter, der seine Redezeit zwar überzieht, was jedoch egal ist, da nach der Rede des Bürgermeisters und pünktlich zur Übergabe an an den General das drahtlose Mikrofon seinen Dienst verweigert. Es schickt zunächst nur etwa jeden dritten Satz, dann nur noch einzelne Wörter und zuletzt gar keinen Ton mehr in Richtung Lautsprecher. Ein herrliches, fast dadaistisches Gequäke! Eigentlich aber natürlich vollkommen unangemessen für diesen Aufstand.

Im Anschluss gibt es dann noch eine Prozession in ein Tal vor dem Dorf. Mehrere hundert Menschen begeben sich zu einer in historischen Kostümen nachgestellten Schlacht zwischen Aufständischen, slowakischer Armee und Wehrmacht. Inklusive fettem deutschem General im Beiwagen eines Motorradgespanns und allerlei anderen historischen Fahrzeugen. Und natürlich einer mordsmäßigen Knallerei. Kostüme und Ausstattung sind fein, vor allem die Aufständischen zeigen Liebe zum Detail: der Student mit Schiebermütze und Nickelbrille, der Bauer mit Wollpullover, Taillengürtel und Haarfilzhut. Damit es nicht zu schön wird hat die Dramaturgie einige Längen. Bemerkenswert, dass die die Wehrmacht darstellenden Laienschauspieler Gott sei Dank  darauf verzichten, auch nur einmal irgendwelche Nazigrüße, und sei es nur angedeutet, herauszuprusten oder mit ausgestreckten Armen herumzufuchteln.

Unseren Wagen mit Leipziger Kennzeichen haben wir im Dorfzentrum gleich vor der Kneipe geparkt. Das kleine weiße Auto, oder sagen wir das Kennzeichen, erregt dann auch ein bisschen Aufsehen – wenn auch hinter vorgehaltener Hand. Aber nur ganz zum Schluss, als ich schon abfahrbereit warte, höre ich von ganz weit hinten „Fasisti“. Aber selbst das kommt eher an wie ein Zitat aus einer Nacherzählung der historischen Ereignisse oder des gerade gesehen Laienspektakels als wie ein Ruf in Richtung unseres Autos.

Obwohl unser Hund bei den Salutschüssen vor dem Denkmal der Kriegsgefallenen des Dorfes völlig aus dem Häuschen und selbst durch eine Flucht in das Hinterzimmer der Dorfschenke, wo sich nun die mittelalten Männer des Dorfes für einen langen Tag stärkten, nicht mehr zu beruhigen ist: Das Ganze ist natürlich ein sehr willkommener Einblick in die slowakische Geschichte als Folklore – auch wenn wir uns die anschließende Einweihung des Partisanenbunkers wegen unseres eingeschüchterten Hundes haben sparen müssen. Statt dessen machen wir uns auf: noch weiter hinein in das Herz des Paradieses. Und verlassen Vernar in Richtung eines der längst aufgegebenen Bergwerke der Familie Coburg.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Die Pilzsammler von Deutschendorf

Am Freitag. September. Später Sommer. In zwei Tagen beginnt der astronomische Herbst. Heute Nacht fiel am Ochsenhorn, auf der Gerlsdorfer Spitze und am Großen Hinzensee der erste Schnee. Seit drei Tagen bin ich Gast der „Blauen Taube“ in Georgenberg bei Deutschendorf. Das Widget sagt: „Poprad aktuell. 6,9 Grad Celsius. Sprühregen“.

Eben war ich mit dem Hund vor der Tür. Die Matejowská runter in Richtung Autobahn D1, Abfahrt Poprad Ost. Von Sprühregen keine Spur. Dafür Wind, Luft, Himmel. Herbst. Licht. Nordwestlich die Tatra. Wolken, Schnee und Sonne zwischen Kriván und Slavkovský štít. Wetter.

Alle paar Minuten laufen an meinem Fenster junge Männer mit Rucksäcken vorbei. Touristen, zu Fuß, auf dem Weg von Deutschendorf nach Käsmark. Denke ich. Seltsam. Als sich mir einer der Touristen zuwendet sehe ich: Gypsies. Sie tragen ihr Hab und Gut, manchmal gesammeltes Buntmetall oder einen Sack Kartoffeln heim. Nach Matzdorf.

Ein paar brachgrüne Meter weiter verbindet die Štefánikova Poprad mit Käsmark. An der Autobahnunterführung beenden massige Betonabsperrungen endgültig den Lauf der Matejowská. Jenseits der Autobahn heißt die Straße dann Hlavná. Sie führt direkt hinein ins Herz des Poprader Stadtteils Matejowce.

Wie mein Spišská Sobota, das wegen unseres Schutzheiligen auch mal Georgenberg und dann mal Szepesszombathely hieß, war auch Matejowce, das auch mal Villa Mathei oder Matzdorf hieß, einstmals eine eigenständige Zipser Stadt. Und wie ein gutes Dutzend anderer Städte des Zipser Städtebunds verpfändete Sigismund von Luxemburg auch Matzdorf an Polen. Er brauchte Geld für den Krieg gegen die Durchlauchtigste Republik des Heiligen Markus in Venedig.

Vor Sigismund und den Ungarn waren in Matejovce die Paläolithiker und nach den Paläolithikern die Neolithiker. Und dann die Germanen. Und dann die Großmährer, dann die Sachsen und dann die Scholzens. Und die gründeten hier ihre Fabrik für Pferdekämme, Emaille und Landmaschinen. Daraus wurden Waschmaschinen. Heute produzieren hier in der Achselhöhle der Abfahrt Poprad Ost die Firmen Tatramat und Whirlpool gemeinsam. Toploader.

Ein paar Meter weiter in der Matzdorfer Altstadt, sorgsam abgetrennt vom Rest der Stadt Poprad und dem Kleinod Spišská Sobota durch ein Kreuz aus Schnellstraßen leben die Roma von Poprad. Sie bewohnen die Häuser im mittelalterlichen Kern rund um die Kirche mit seinem spätgotischen Flügelaltar. Vor ein paar Jahren noch sammelten sie Beeren und Pilze in den Fichtenmonokulturen oberhalb Matejowces auf dem Hoheitsgebiet der Gemeinde Hohe Tatra. Und setzten sich mit ihren vollen Körben und Eimern an die 67 zwischen Poprad und Kežmarok.

2004 raste ein Novembersturm über die Koniferen am Gerlachovský štít und den Hängen des Satans hinweg. Seitdem nehmen die Gypsies von Matzdorf den Rucksack nur noch mit nach Poprad. Oder nach Kežmarok. Das Bergwandern in dem sich nur langsam regenerierenden ehemaligen Waldgebiet überlassen sie nun den polnischen, slowakischen, tschechischen oder deutschen Touristen. Die pilzsammelnden Roma in der Hohen Tatra sind nun genauso Geschichte wie das 1972 in der ČSSR begonnene Sterilisationsprogramm, dem sie sich unterziehen mussten.

Und in Poprads misstrauischen Gegenden wachsen Mauern um die Eigenheime. Und Blech verschraubt die Hinterhöfe. Und Kameras bewachen Garagen und Allmende. Und die Ketten reißen an den Hälsen der Hunde. Neubauten im September 2012. 

In der Landschaft namens Zips

Der Popper hat sich als einziger der in der Slowakei entspringenden Flüsse entschieden, das Land nicht in Richtung Schwarzes Meer zu verlassen. Auf seinen noch nicht einmal zweihundert Kilometern von der Quelle am eiszeitlichen Großen Hinzensee zur Mündung in den polnischen Dunajec durchfließt er eine eigentümliche und ebenso liebliche wie seltsame Landschaft. Sie trägt den Namen Zips.

Dies sind Skizzen dieser Landschaft. Wir treffen Tiere und Menschen dieser Landschaft. Wir treffen mit eigenartiger Mundart sprechende altsächsische Karpatenbewohner. Wir treffen den spätgotischen Meister Paul, spätmoderne Wagonbauer, spätamerikanische Waschmaschinen, spätkakanische  Österreicher, spätsozialistische Hotelruinen und in der Spätkrise kreditverschuldete Fahrer großer Automobile aus süddeutscher Produktion. Wir treffen aber auch eine alte Baronesse und ihren zwischen Paris, Budapest, Wien und dem Familienschloss in der Zips lebenden Onkel Ladislaus. Wir treffen Folkloristen und Filmemacher, einen Maurer, preisgekrönte Taubenzüchter, eine Frau im Jeansanzug und einen jungen Schreiner, der sich auf nach Hollywood macht.

In der Landschaft namens Zips entlang des Poppers lebten einstmals viele Völker: Slowaken, Roma, Ungarn, Deutsche, Juden, Rusinen, Polen, Vietnamesen, Sachsen, Mongolen und Goralen. Auf dem Spaziergang durch die Welt am Fluss Popper treffen wir sie alle. Eine ebenso romantische wie tragische Zeitreise, ein Sprung über den Popper – vom Tatarensturm zur postsozialistischen Postmoderne, zurück zur Gotik und hinein mitten in die Gegenwart.OLYMPUS DIGITAL CAMERA